Die
US-Rezession wird lang und hart
Von Fabian
Lindner | 12:16
Wer nicht aus der Geschichte lernt, ist
gezwungen, sie zu wiederholen. Oder: Die Rezession
in den USA wird mit hoher Wahrscheinlichkeit
kein Zuckerschlecken. Zumindest, wenn man die Banken- und Finanzkrisen der Vergangenheit als Maß anlegt. Kenneth Rogoff, ehemals Chefökonom
des IWF, und die angesehene Finanzmarktexpertin
Carmen Reinhardt
beschäftigen sich seit Jahren mit
solchen Krisen. In einem aktuellen
Forschungspapier vergleichen
sie die US-Subprime Krise, die zur Zeit die Weltwirtschaft in Atem hält, mit
vergangenen Krisen und finden unschöne Parallelen. Denn in der Vergangenheit
hatten Finanzkrisen regelmäßig zu langen
Wachstumseinbrüchen geführt.
Es wäre schon ein ungewöhnlicher Glücksfall, wenn sich die USA dem entziehen könnten.
An wohl klingenden Argumenten, warum die schnell steigenden US-Vermögenspreise in letzter Zeit fundamental gerechtfertigt
und nicht wie in der Vergangenheit Folge irrationalen Überschwangs seien, hatte es nicht
gefehlt. “Dieses Mal ist alles anders” haben sich
Investoren und Ökonomen gesagt – keine Blasen, sondern wohl fundierte Aussichten auf stetig steigende Gewinne würden die Anlagepreise treiben. So haben sie den Anstieg der Häuserpreise dadurch erklärt, dass die innovativen US-Finanzmärkte tolle neue Finanzprodukte entwickelt hätten, die es erlauben würden,
eine höhere Verschuldung ohne höhere Risiken zu verkraften. Diese Finanzinnovationen haben die US Finanzmärkte noch liquider und attraktiver für Investoren gemacht und Anlagekapital vor allem aus Asien
und den Erdöl-exportierenden Ländern
angelockt.
Das starke Produktivitätswachstum, so wurde argumentiert, rechtfertige die Erwartung auf dauerhaft höhere Renditen und damit den starken Anstieg der Aktienpreise.
Auch das Risiko größerer Konjunkturausschläge schien für die USA gebannt zu sein. Das
nannten Ökonomen “The Great
Moderation” – die große Mäßigung.
In dieser besten
aller Welten sei auch das
Rekordleistungsbilanzdefizit fundamental begründet. Internationalisierte
Finanzmärkte sorgen eben dafür, dass
ausländische Investoren ihr Geld da anlegen,
wo es
die höchste Rendite bei geringem Risiko
gebe – in den USA. Vermögenspreisblase? Iwo – die “Fundamentals” sind in Ordnung!
Der Fall der Immobilienpreise im Sommer 2007 hat all diese schönen Wirtschaftswundermärchen zerschlagen. Und er hat den USA gezeigt, dass dieses Mal doch nicht alles anders ist. Die Kreditmärkte befinden sich in der Krise,
Banken müssen Abschreibungen in Milliardenhöhe vornehmen und ihre Kredite für Unternehmensinvestitionen
verknappen. Konsumenten,
die sich wegen steigender Häuserpreise reicher gefühlt hatten und viel konsumiert, aber nur wenig, wenn
überhaupt, gespart hatten, müssen jetzt auf die Konsumbremse treten. Überlegene Finanzmärkte hin,
tolles Produktivitätswachstum
her.
Rogoff und Reinhardt zeigen,
dass die sich abzeichnende Krise einem Muster folgt. Darauf kommen die beiden Wissenschaftler nach einer Untersuchung
von 18 Finanz- und Bankenkrisen
in Industrieländern. Sie fanden
heraus, dass das Pro-Kopf-Wirtschaftswachstum
in Folge einer Krise um durchschnittlich zwei Prozent gefallen
war. Erst nach etwa zwei Jahren
hatten sich die Länder wieder erholt.
Besonders hart hatte es Spanien in den späten Siebzigern, Norwegen in den späten 80ern und Finnland, Schweden und Japan in
den frühen 90ern erwischt. Dort war das Wirtschaftswachstum im Durchschnitt sogar um fünf Prozent eingebrochen,
und eine wirkliche Erholung war auch nach drei Jahren
noch nicht zu verzeichnen. Das sei die Spanne
an Wachstumsminus, so Rogoff
und Reinhart, mit der wohl auch in den USA in den nächsten Jahren zu rechnen sei.
Das Schema war in allen Krisen gleich: Die Häuser- und Aktienpreise stiegen stark, die privaten und öffentlichen Schulden ebenfalls und weil auch ausländische
Investoren mitspielen wollten, kam es
zu hohen Leistungsbilanzdefiziten. Fielen plötzlich die Vermögenspreise, folgte früher oder später der Wachstumseinbruch. Im Fall der USA ist
besonders der Anstieg der Häuserpreise
und das Leistungsbilanzdefizit
ausgeprägter als in früheren Krisen, was nichts Gutes bedeutet.
Bis vor kurzem
hatten sich die Aktienpreise zwar noch wacker gehalten.
Rogoff und
Reinhart glauben aber, dass das mit
den raschen und umfangreichen
Liquiditätsspritzen der Fed
zu tun hatte.
Jetzt scheint auch das
nichts mehr zu nützen. Allein in der vergangenen
Woche fiel der wichtige US Aktienindex S&P 500 um 5,4 Prozent.
Auch bei den Ursachen für die Krise sehen die beiden Ökonomen Parallelen zur Vergangenheit. Rogoff und Reinhart betonen, dass den meisten Krisen eine Liberalisierung
der Finanzmärkte vorausging. Zwar gab es in den USA in den letzten
Jahren keine rechtliche Liberalisierung, sehr wohl aber
eine faktische. Man muss nur an die vielen
neuen Finanzprodukte denken, die Abkürzungen wie die Roboter aus Krieg der
Sterne tragen und den Großbanken heute beträchtliche Probleme bereiten. Oder an unregulierte Konstrukte, wie die sogenannten
“Special Investment Vehicles” (SIV).
Wie stark der Einbruch der US-Wirtschaft tatsächlich sein wird – ob er eher bei
minus zwei Prozent oder minus fünf
Prozent liegen wird – lässt sich
nicht sagen. Aber dass er
sich nicht so einfach verhindern lässt, scheint die Geschichte
gelehrt zu haben.