Bushs gefährdete Käseglocke

 

Von Dietmar Ostermann

 

Einer der unausgesprochenen Gründe hinter der Eile, mit der die US-Regierung ihre Pläne für eine Raketenabwehr vorantreibt, war stets der politische Zeitplan. George W. Bush betrachtet das Projekt als wichtigen Teil seines Erbes. Seit Reagan haben Amerikas Konservative davon geträumt, Sicherheit und strategische Dominanz durch eine ballistische Käseglocke zu erlangen, an der angreifende Raketen zerschmettern.

Zwar haben 9/11 und die asymmetrische Bedrohung durch Terroristen den Traum von der Unverwundbarkeit ad absurdum geführt. Trotzdem will Bush als der Präsident in die Geschichte eingehen, der über Amerika - und seinen Verbündeten - einen Raketenschirm aufspannt. Deshalb wurden schon vor Jahren in Alaska und Kalifornien unausgereifte Abfangraketen in Dienst gestellt, von denen keiner weiß, ob sie im Ernstfall treffen. Deshalb soll nun in Polen der erste Spatenstich für eine dritte Abwehrstellung erfolgen, bevor Bush im Januar 2009 das Weiße Haus verlässt.

Für die Demokraten und ihre Präsidentschaftsbewerber hat ein Raketenschirm keine Priorität, der sich gegen mögliche künftige Bedrohungen richtet, aber schon heute schwere diplomatische Verwerfungen verursacht. Deshalb wäre es für das Weiße Haus mehr als ein vorübergehender Rückschlag, wenn der Kongress wie angedroht 2008 kein Geld für erste Bauarbeiten in Polen und Tschechien bereitstellt. Das ganze Projekt könnte für Jahre auf Eis liegen, wenn es Bush nicht gelingt, in Osteuropa vollendete Tatsachen zu schaffen. Wer sich weniger um Bushs Trophäensammlung und mehr um den Abbau von Spannungen sorgt, kann einen Aufschub eigentlich nur begrüßen.