Fight Over ‘The Star-Spangled Banner’

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Ein Profisportler bleibt während der Nationalhymne sitzen und löst damit einen Skandal aus, der sogar Barack Obama erreicht.

Die Geschichte reicht hoch bis zum Präsidenten und weit bis nach China. Dort, in Hangzhou auf dem G20-Gipfel, äußerte sich selbst Barack Obama zu einem American-Football-Spieler, der es wagte, bei der Nationalhymne sitzen zu bleiben.

Der Spieler ist und Quarterback der San Francisco 49ers, ein American Football Team. Während eines Vorbereitungsspiels weigerte sich der Sohn eines Schwarzen und einer Weißen aufzustehen. Damit wollte der 28-Jährige gegen die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten protestieren und all jenen eine Stimme geben, die bislang in der Öffentlichkeit keine hätten, so Kaepernick.

Die Sache entwickelte sich bis zum Staatsakt und spaltet das Land in zwei Lager: auf der einen Seite die strammen Patrioten, an deren Spitze sich zu gerne Präsidentschaftskandidat Donald Trump stellt. In einer Radioshow legte er Kaepernick das Auswandern nahe – wohin auch immer ein Profi einer Sportart auswandern sollte, die fast ausschließlich auf amerikanischen Boden ausgeführt wird.

Auf der anderen Seite stehen Sportstars wie Kaepernicks Teamkollege Eric Reid oder Fußballnationalspielerin Megan Rapineo. Beide taten es Kaepernick gleich und knieten während des Abspielens der Hymne, anstatt aufrecht die rechte Hand aufs Herz zu legen, wie es üblich ist. Obama wird ebenso von den US-Kommentatoren zu den Unterstützern Kaepernicks gezählt, auch wenn er eigentlich nur dessen verfassungsmäßiges Recht betonte, seine Meinung zu äußern.

Es sei an Diskuswerfer Christoph Harting erinnert, der bei der Siegerehrung der Olympischen Spiele keine patriotische Haltung eingenommen hatte. Man stelle sich vor, anstatt überzeugter Deutscher aus den Reihen der AfD und einiger CSU‘ler, müsste Kanzlerin Merkel Stellung beziehen. Selbst wenn Hartings Protest ein explizit Politischer gewesen wäre, wie es Kaepernicks war, eine Einmischung der mächtigsten Politikerin des Landes hätte wohl nur Kopfschütteln verursacht.

Doch Kaepernicks Protest fällt in eine Zeit, die ihm besondere Aufmerksamkeit garantiert. Zum einen führen die Amerikaner seit Monaten eine intensive Debatte über staatlichen Rassismus, entfacht von Beispielen ausufernder Polizeigewalt. Zum anderen pausieren gerade die großen amerikanischen Sportligen wie Basketball, Eishockey oder eben Football und die Berichterstatter stürzen sich entsprechend auf jeden Schnipsel, den es zu berichten gibt.

Wer darüber hinaus verstehen will, wie ein solches Thema Wellen bis hoch zum Präsidenten schlagen kann, muss seinen Blick auf das Urverständnis der US-amerikanischen Identität lenken. Nationale Symbolik spielt eine größere Rolle als irgendwo sonst auf dem Planeten. In vielen Vororten hängt das Sternenbanner in Reihe an jedem Haus. Neben der Hymne erlernen Schüler in den USA den Treueschwur auf Nation und Flagge, “Pledge of Alliance” genannt. In vielen Grundschulen beginnt damit der Unterricht. Das Aufsagen der 44 bisherigen Präsidenten ist für High School Schüler ein Mantra wie das “Vater Unser” für Schüler eines katholischen Internats. Wer die Flagge nicht ehrt, der verweigert auch den gefallenen Soldaten der USA die Ehre und trampelt auf ihren Gräbern herum.

Diese nationale Identität verkörpert für Amerikaner die Würdigung demokratischer Werte wie Gleichheit, Freiheit und Unabhängigkeit, drückt parallel aber auch klassische Nationalismen aus wie den Chauvinismus gegenüber anderen „Völkern“, den Rassismus und den Hang zur Überhöhung militärischer Ehren. Und genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich die Diskussion um Kaepernicks Weigerung, einer Flagge die Ehre zu erweisen, unter der seiner Meinung nach Menschen nur aufgrund ihrer Hautfarbe unterdrückt werden.

Kaepernick wird seinen Protest fortsetzen, auch wenn in der Nacht zum Freitag die NFL wieder losgeht. Er wird um seinen Startplatz bei den 49ers kämpfen müssen, was aber an seiner sportlichen Leistung liegt und weniger an der Formulierung seiner politischen Überzeugung.

Den Worten will er nun Taten folgen lassen. Auf einer Pressekonferenz sagte Kaepernick, er werde die erste Millionen Dollar, die er in diesem Jahr verdiene, an soziale Institutionen spenden, die sich um die Belange von unterdrückten Minderheiten in den USA kümmern.

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