The Limits of Western Power

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Die Grenzen westlicher Macht

Von Ulrich Ladurner

Die US-Regierung plante einst die Demokratisierung des islamischen Ostens. Angesichts des Terrors in Bagdad, Kabul und Peshawar fragt sich, was davon geblieben ist.

Erinnert sich noch jemand an die Greater Middle East Initiative? Wahrscheinlich nicht. Es ist jedoch an der Zeit, diesen großen Plan des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush in Erinnerung zu rufen. Bush und seine Männer wollten mit dieser Initiative den Bogen islamischer Länder “aufschließen” – vom Maghreb über Palästina, Irak, Iran und Afghanistan bis nach Pakistan sollten blühende demokratische Landschaften entstehen. Das Mittel dafür war das Militär.

Der mit Gewalt von Saddam Hussein befreite und demokratisierte Irak sollte der erste Schritt sein. Der Rest, so die Überlegung der Männer um Bush, würde dem leuchtenden Beispiel folgen. Denn wer, das war der zentrale Gedanke, will nicht in Freiheit leben? Was es für eine Freiheit sein konnte, die auf dem Panzer daherkam, darüber machte sich keiner so recht Gedanken.

Die Nachrichten aus dem Greater Middle East allein in dieser Woche sind niederschmetternd – 120 Tote bei einem Bombenschlag in Bagdad am vergangenen Sonntag; neun Tote, darunter sechs UN-Mitarbeiter, bei einem Angriff auf ein Gästehaus in Kabul; 93 Tote durch eine Autobombe in der pakistanischen Grenzstadt Peshawar; es herrscht Krieg in vielen Teilen Afghanistans, es herrscht Krieg in den Stammesgebieten Pakistans, und der Irak taumelt auch fast neun Jahre nach der Intervention immer noch entlang des Abgrundes.

Peshawar unter Schock

Nach dem verheerenden Anschlag vom Mittwoch bemühen sich Rettungskräfte, die Aufräumarbeiten voranzutreiben

Aus der imaginierten Demokratiezone ist eine Kriegszone geworden. Aus der versprochenen Freiheit, blutiger Alltag. Nun ließe sich sagen, das ist ja alles den Bushisten zu verdanken und die sind nicht mehr an der Macht. Die Fantastereien einer von außen angestoßenen Demokratisierung eines ganzen Weltteils erscheinen heute wie das typische Produkt neokonservativer Hybris. Gewissermaßen wie eine einmalige historische Dummheit, einer besonders dummen Regierung.

Das ist jetzt vorbei. Barack Obama regiert, das bessere Amerika, das intelligentere, das friedlichere Amerika. Obama hat es nicht an Demutsgesten fehlen lassen, um sich von den Allmachtsträumen seines Vorgängers abzusetzen. Er wirbt um Freunde, er braucht Freunde.

Das ist alles gut und recht, doch ist der Greater Middle East dadurch friedlicher geworden? Mitnichten. Wir erleben seit Obamas Amtsantritt eine dramatische Ausweitung der Kriegszone. Die Ursache dafür, sagen die Befürworter seiner Politik, liege darin, dass der Präsident endlich die richtigen Schlüsse gezogen habe. Er habe verstanden, dass man Afghanistan nur befrieden könne, wenn man die Taliban auch in Pakistan besiegt; er habe begriffen, dass Afghanistan eine neue Anstrengung brauche, mehr zivile Helfer, mehr Geld, mehr Soldaten.

Es gibt triftige Gründe daran zu zweifeln, dass dies richtig ist. Doch selbst wenn man annimmt, dass diese Strategie erfolgreich sein wird, so ist sie doch von einer ähnlichen Krankheit befallen, die auch schon die Regierung Bush gezeichnet hatte: Der Glaube daran, dass die Überlegenheit der eigenen Militärmaschinerie sich am Ende durchsetzen wird.

Natürlich, Obama ist ziviler in seiner Rede, er ist auch ziviler in manchen seiner Taten; doch auch seine Politik stützt sich auf einen dicken Knüppel, den er durchaus einzusetzen weiß. Das ist in Afghanistan der Fall, und jüngst auch in Pakistan. Dieses Land bekommt finanzielle Unterstützung aus Washington nur dann, wenn es einen ganzen Katalog an Forderungen erfüllt; viele von ihnen verletzten eindeutig die Souveränität Pakistans. Es gab eine Zeit, da nannte man dies Imperialismus. Heute läuft das unter dem Titel: Kampf gegen den Terror.

Die Befürworter dieser Politik sagen, dass sei der einzige Weg, um uns vor den Terror zu schützen. Die Sicherheit des Westens werde nun einmal in diesen Ländern verteidigt. Einmal angenommen, das stimmt, bleibt immer noch die Frage: Hat der Westen überhaupt die Kraft, Afghanistan zu befrieden, Pakistan zu “zähmen”, den Irak stabil zu halten? Oder ist es nicht so, dass diese selbst gestellten Aufgaben, die Macht des Westens längst überfordern?

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