Prairie Rednecks

<--

Proleten der Prärie

Von Alice Agneskirchner

14.09.2010

Auf der Westernmesse Americana treffen sich deutsche Cowboys. Beobachtungen einer Sattelfesten.

Wäre der Cowboy je ins Deutsche übersetzt worden, hätte er es als Kuhjunge vermutlich nicht zu dem Image gebracht, das ihm auch hier seit Jahrzehnten anhaftet. Im Film, in Büchern und vor allem in unserer Vorstellungswelt reitet er alleine mit seinem Pferd davon, in die weite Prärie.

Das Kennzeichen des Cowboys ist der Cowboyhut. Den haben sich viele der 42 000 Besucher der Americana 2010 auf den Kopf gesetzt, der gerade zu Ende gegangenen Western-Messe in Augsburg. Im normalen Leben würden sie das nicht tun, aber hier – alle zwei Jahre passt das. Fünf Tage können sich die FreizeitCowboys und -Cowgirls über die Westernpferdezucht informieren, Reittips in verschiedenen Lernforen mit Reitdemonstrationen sammeln und bei 250 Händlern und Herstellern Western-Sättel, Stiefel, Futter, Lederchaps, Pferdehalfter, Weidezaunequipment oder eben Cowboyhüte ergattern.

Zehntausende haben bei den Profi-Reitturnieren in allen wichtigen Disziplinen des Westernreitens zugesehen, geritten wurde um ein Preisgeld von 155 000 Euro. Ein authentisch eingerichteter Saloon präsentierte Countrybands, LineDance-Animateure brachten die Ladies in Fahrt und überall wurde fachmännisch über das vermeintliche Westernleben und das echte Westernreiten diskutiert. Auch ich habe meinen Cowboyhut aus Berlin mitgebracht und tagelang nicht mehr abgesetzt. Die Sehnsucht nach dem Wilden Westen boomt – aber warum?

Mit Karl May fing es an, zunächst ging die literarische Reise zu Winnetou und den guten Indianern. Mit der TV-Serie „Bonanza“ wurden auch die Deutschen Dauergäste einer Vorzeige-Ranch. „Unsere kleine Farm“ machte das Ganze kindertauglich, in der DDR gab es IndianistikVereine und im Kino prägten John Wayne, Henry Fonda Gary Cooper oder Burt Lancaster das Inbild des Westernhelden. Frauen kamen in dieser Welt nicht vor. Allenfalls verliebte sich der lonesome rider und dann war es vorübergehend mit dem wilden Leben vorbei.

Für mich gab es nur einen Ausweg: Cowgirl werden. Ein Jahr lang lebte ich in Wyoming auf einer Working-Cattle-Ranch mit 800 Kühen. Suzy Michnevich und ihr Bruder Frosty lebten vom Verkauf der 800 aufgezogenen Halbjahreskälber. Rancharbeit bedeutet, immer draußen zu sein, bei Hitze wie bei bitterer Kälte, es bedeutet, kilometerlange Weidezäune in gerölligem Boden anzulegen, es bedeutet, rauf aufs Pferd und wieder runter, unzählige Male, Kuhmist unter den Stiefeln und den Hut allzeit auf dem Kopf, als Schutz vor Sonne wie Regen. Das geht auf die Knochen. Die Gebrauchsreiterei bringt weniger Heldentaten hervor als die Kunst, irgendwann auf halbwegs angenehme Weise so viel Zeit wie möglich im Sattel verbringen zu können. Und derweil die Rinderherde zu treiben oder einzelne Tiere auszusondern, wenn sie geimpft oder verkauft werden sollen. Das Pferd wird zum Buddy, mit Reitsport hatte das zunächst nichts zu tun.

Die ersten Western-Reitturniere entstanden, als die Rancher sich sonntags besuchten und einander zum Zeitvertreib zeigten, was sie alles so können. Dass sich daraus in den USA eine Sportart entwickelte, die Preisgelder von einer Million Dollar an die besten Pferde und Reiter vorsieht, lässt sich auf die alten Pioniertage dort zurückführen. Aber in Deutschland?

Bevor hierzulande überhaupt jemand ans Westernreiten dachte, gab es die Cowboy-Clubs. Der älteste wurde 1913 in München von Fred Sommer gegründet – einem Tausendsassa der nicht nach Amerika auswandern konnte, aber ähnlich wie Karl May die Sehnsucht danach hegte und pflegte. Geleitet von dem Sehnsuchtsbild des Cowboys, der westwärts immer der Sonne entgegen in sein neues Leben reitet, das besser sein muss als das alte, trafen sich fortan an der Isar Gleichgesinnte zum partiellen Aussteigerleben.

Diese Sehnsuchtsvollen treffen sich auch auf der Americana. Bis zum Taschentuch im authentischen Outfit des Südstaaten-Farmers gekleidet, diskutiert John Ritchie im Saloon in breitem Schwäbisch über den amerikanischen Bürgerkrieg – mit Warren Brown, der im Kavallerie-Outfit dasitzt. Sie treffen sich oft, zum Reden am Lagerfeuer, das ist Entspannung für sie. Hinter dem nächsten Hügel der Schwäbischen Alb konnte kein neues Leben beginnen, deshalb wurde Amerika zum imaginären Paradies.

Westernkult und Westernreiten haben im professionellen Westernreitsport keine Berührungspunkte. Die deutschen Pioniere des Sports, Thomas Hoppe, Uwe Roeschmann und Ute Holm, eine der wenigen Frauen, haben vor 25 Jahren die bis dahin hier unbekannte Reitart eingeführt. Sie haben ihre Pferde so trainiert, dass sie am langen Zügel ohne sichtbare Reiterhilfen alle Gangarten gehen, dass sie die spektakulären Stops und Drehungen vollführen und in der höchsten Disziplin – dem Cutting – eigenständig ein Rind aus der Herde aussondern. Sie haben sich amerikanische Reittrainer gesucht und mit importierten Quarter-Horses begonnen, Westernpferde zu züchten. Irgendwann sagte dann der eine oder andere Unternehmer, das will ich auch, und ich will ein Pferd, das das kann.

So wurden die Pioniere zu Profis und zur je eigenen Marke. Anfangs von den Dressurreitern belächelt, haben sie heute ihre eigenen Trainigsställe. Das Glücksgefühl, wenn Reiter und Pferd Arbeitspartner werden, lässt alle, die je mit Westernreiten begonnen haben, nicht mehr los. Von der einen Million Pferde in Deutschland werden allein 100 000 von Westernreitern geritten.

Für manche geht der Traum der Prärie auch in Erfüllung. Uwe Roeschmann zum Beispiel hatte immer das Gefühl, er gehört nicht hierher. Der Zwei-Meter-Mann, der einer Marlboro-Werbung entsprungen sein könnte, hat eine Ranch in Texas aufgemacht und dort als professioneller Westernreiter sein besseres Leben gefunden.

Die Westernreitszene bringt es mittlerweile auf fünf Milliarden Euro Jahresumsatz in Deutschland; und auch bei unseren italienischen Nachbarn ist Westernreiten inzwischen populär. Was gern vergessen wird bei so viel Freiheit und Abenteuer: Der Cowboy war ein Angestellter, eine „Hired Hand“ des Ranchers, er galt als Prolet der Prärie. Vielleicht ist er wirklich immer weiter westwärts geritten, aber er fand dort kein besseres Auskommen, sondern bloß das gleiche Leben wie zuvor. Am Ende von Peter Fondas Film „Hired Hand“ stehen zwei Cowboys mit ihren Pferden in Kalifornien am Meer und fragen sich, was sie nun tun sollen. Sie kehren zurück auf ihre kleine Ranch. Nur der Traum vom Westen, der bleibt. Auch ich packe meinen Cowboyhut wieder ein, den mir Suzy in Wyoming schenkte, nachdem ich meine erste Rinderherde gecuttet hatte. Aber wenn ich ihn vor dem Spiegel aufsetze, ist die Sehnsucht sofort wieder da.

About this publication