Poor Rich Uncle Ben

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Der arme reiche Onkel Ben

von Hans von der Hagen

04.11.2010

Es ist ungeheuerlich, was in den USA geschieht: Notenbank-Chef Ben Bernanke beschenkt Präsident Barack Obama mit Hunderten Milliarden Dollar – und startet ein gefährliches Experiment.

Seltsam. Gerade eine Dekade ist es her, da gab es in den Vereinigten Staaten eine heute geradezu bizarr anmutende Diskussion: Wie sollten die Amerikaner ihrer Regierung künftig noch Geld leihen, wenn das Land derart hohe Überschüsse erwirtschaftet, wie es damals der Fall war. Staatsanleihen, die über 30 Jahre laufen, könnten ohnehin gleich ganz abgeschafft werden – das Land brauche allenfalls nur noch kurzfristig Kredit.

Jetzt müssen die Amerikaner wieder befürchten, dass Anleihen ihrer Regierung knapp werden. Diesmal aber nicht, weil es dem Land so gut geht, sondern weil die US-Notenbank Fed den Markt plündern wird: Bis zum Sommer nächsten Jahres wird die Fed 600 Milliarden Dollar an Anleihen kaufen. Im gleichen Zeitraum dürfte die US-Regierung 1,4 Billionen Dollar neu an Krediten aufnehmen – die Notenbank finanziert also zum großen Teil die Ausgaben der Regierung Obama.

Es ist nicht das erste Programm dieser Art, wohl aber ein besonders gefährliches. Waren die ersten Käufe noch als Notmaßnahme in der Wirtschaftskrise zu verstehen, sind sie jetzt Ausdruck purer Hilflosigkeit: Die Leitzinsen stehen faktisch bei null Prozent – unlängst akzeptierten Anleger kurzfristig gar schon einen negativen Zins. Die Notenbank kann ihr Geld also nicht mehr billiger machen, darum wirft sie jetzt damit um sich.

Das ist das Rezept von Ben Bernanke – und es ist, als hätte er sich ein Leben lang auf diesen Moment vorbereitet. Nicht ohne Grund verspötteln ihn viele als “Helikopter-Ben”, weil er einst empfohlen hatte: Wenn es richtig schlecht läuft in der US-Wirtschaft, müsste man Geld für alle mit dem Hubschrauber abwerfen.

Nun ließe sich einwenden: Es läuft doch gar nicht so schlecht in der größten Volkswirtschaft der Welt. Die Rezession ist einigermaßen überstanden, die Inflationsrate tief und die Arbeitslosigkeit erscheint zumindest im internationalen Vergleich beherrschbar.

Doch das sind nicht die Kriterien eines Bernanke. Er fürchtetet vor allem Deflation – also eine Situation, in der Produkte immer günstiger werden – in der aber auch die Löhne fallen und der Konsum einbricht, weil Einkäufe aufgeschoben werden.

Sollte es so weit kommen, könnte die Notenbank im Grunde zuschließen, weil ihre Geldpolitik keine Wirkung mehr zeigte. Mit diesem Problem kämpft Japan seit Jahren. Darum will Bernanke bei den Märkten die Erwartung schüren, dass es zumindest Inflation geben könnte – und es wieder aufwärts geht.

Hinzu kommt, dass sich die US-Notenbank – anders als die Europäische Notenbank – immer auch als Institution versteht, die sich um das Wohlergehen der Wirtschaft zu kümmern hat – und nicht nur um die Stabilität des Geldes.

Wenn also Obama unter Druck gerät, weil eine Arbeitslosenrate von rund zehn Prozent in der Bevölkerung als Beleg für größtmögliches Versagen der Regierung gilt, interessiert sich kaum einer mehr für die Unabhängigkeit der Notenbank, sondern Regierung und Fed machen dann eben gemeinsame Sache. Und das bedeutet: Die Wirtschaft soll mit Geld versorgt werden, egal ob sie es sinnvoll verwenden kann oder nicht. Hauptsache, die Zinsen bleiben tief, Kredite werden großzügig vergeben – und Arbeitsplätze geschaffen.

Ob die Rechnung aufgeht, ist höchst ungewiss. Es fehlt derzeit kein Geld, sondern die Nachfrage nach Kredit. Schlimmer aber noch ist, dass die US-Notenbank das Geld ja gar nicht hat. Sie muss es drucken, selbst wenn sie das nur virtuell macht.

Die Folgen sind indes höchst real. Das Geld flutet die Märkte und es wird seinen Weg eben auch dorthin suchen, wo es keiner braucht. Vor ein paar Jahren floss das billige Geld in die Immobilienmärkte und ließ dort die Preise in abenteuerliche Höhe schnellen, jetzt wird es andernorts die Preise ungerechtfertigt in die Höhe jagen.

Feststellbar ist das bereits in Schwellenländer wie Brasilien, wo sich sowohl Anleihen als auch die Währungen längst stark verteuert haben. So wird Chaos produziert.

Die Milliarden, die die US-Notenbank nach den New Yorker Terroranschlägen 2001 in den Markt pumpten, gelten als eine der wesentlichen Ursachen für die Finanzkrise. Es ist erstaunlich, wie behende die Fed ihre Fehler wiederholt. Besser wäre es, sie würde sich zuweilen ein Beispiel an den Kollegen in Europa nehmen: Einfach mal nichts machen.

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