Victory, Now What? Libya Is a Lucky Break, Not a Test Case; NATO Was at Its Limit

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LIBYEN

Und nach dem Sieg?

Libyen ist ein Glücks-, kein Präzedenzfall. Die Nato war am Limit. Von Josef Joffe

»Rein oder nicht rein?« Diese Frage wird den Westen noch lange quälen, obwohl er – spät, aber doch – gegen Gadhafi gesiegt hat. (Gegen das mächtigere Serbien hat es 1999 nur halb so lange gedauert.) Die Bilanz seit 2001? Afghanistan: negativ; die Taliban kommen zurück. Irak: eine »rote Null«, wie es im Finanzjargon heißt; der Tyrann ist weg, die Demokratie ist da, bleibt aber ein Risikoposten, der erst als Plus verbucht werden kann, wenn diese Ordnung ohne Amerika überlebt. Libyen: eine »schwarze Null«, aber mit Renditepotenzial.

Ohne die Nato wären die Rebellen noch lange nicht in Tripolis, und das Bündnis hatte mehr Glück als Munition, Führung und Zusammenhalt. Zwei der Großen – Berlin und Warschau – flogen nicht mit, und Amerika war nur halbherzig dabei. Zum Glück gehört das Geschick der Aufständischen, die aus den Fehlern der USA in Bagdad gelernt haben. Statt Militär- und Machtstrukturen niederzureißen, haben sie Polizei- und Sicherheitsapparat kaum angetastet, die Deserteure mit offenen Armen aufgenommen. Wenn in Tripolis kein Chaos wie in Bagdad ausbricht, haben sie auch die halbe politische Schlacht gewonnen.

»Halbzeit gut« ist nicht »Alles gut«. Eine Kollektiv-Führung, die schon vor dem Sieg zerstritten war, ist grundsätzlich labil. Die Kräfte in Westlibyen, die den Durchbruch nach Tripolis geschafft haben, werden mehr Macht verlangen, als der militärisch nicht sehr erfolgreiche Bengasi-Flügel geben will: Schließlich haben wir die Revolution erfunden und am längsten geblutet. Gadhafi-Getreue könnten wie die Saddamisten im Irak im Krieg untertauchen.

Eines aber hält den Vergleich mit Afghanistan und mit dem Irak nicht aus: Nicht fremde Eindringlinge haben den regime change erkämpft, es war eine breite, vom Volk getragene Koalition. Das neue Regime genießt also eine Legitimität, die Karsai in Kabul nie hatte und die Allawis und Malikis in Bagdad nur bedingt. Legitimität bedeutet Zustimmung, die Regierungsfähigkeit verheißt.

Nur ist der Aufstand gegen den Diktator von Damaskus noch breiter, und die Bürger, die täglich im Kugelhagel sterben, hätten die militärische Hilfe des Westens noch mehr verdient als die Libyer. Sie kommt aber nicht, weil das Reale stärker ist als das Ideale: ein schwieriges Terrain, das Machtinteresse der Anrainer, zumal Irans, eine hoch trainierte Armee. Und dann der vierte Krieg gegen ein islamisches Land, der diesmal den vollen Einsatz der USA erfordern würde? Europa muss auch keinen Massenansturm syrischer Flüchtlinge fürchten.

Überdies hat Libyen gezeigt, dass die Nato weder politisch noch militärisch dazu imstande wäre. Es wäre schon gut, Flugzeug bei Fuß zu bleiben, um die Konterrevolution in Schach zu halten. Und – wenn gebeten – beim Aufbau der Streitkräfte zu helfen. Denn ohne Sicherheit ist alles nichts. Statt Lorbeer zu flechten, sollte das Bündnis eine harte Bilanz ziehen. Ein langes, blutiges Patt hätte die Nato zerrissen. Der reichsten Staatengruppe der Welt wäre fast die Munition ausgegangen. Die Zukunft sieht noch düsterer aus, denn überall schmelzen nicht erst seit der Wirtschaftskrise die Militärausgaben weg. »Rein oder nicht rein?« Libyen ist ein Glücks-, kein Präzedenzfall.

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