A “Mormon Moment” in U.S. Politics

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Ein “mormonischer Moment” in der US-Politik

Von Frank Herrmann

30. September 2011

Kirche, Kommerz und Sendungsbewusstsein: In Amerika wächst keine Religion schneller als die der Mormonen – Jetzt rückt die Kirche in den politischen Fokus, denn zwei ihrer Mitglieder bewerben sich ums US-Präsidentenamt

Wenn Blake Strong den Kalender über seinem Schreibtisch erklärt, spürt man den Schalk in seinem Nacken. Auf einem perfekt gestriegelten Pferd reitet der Firmengründer, Leroy Hobson Strong, durchs Dornengestrüpp der Wüste am Großen Salzsee. Mit seinem Cowboyhut, sehr aufrecht im Sattel sitzend, den Blick in imaginäre Ferne gerichtet, lässt er an verwegene Westernhelden denken.

“Tja, Grandpa da oben. Hat sich mehr für Gäule interessiert als für Autos”, sagt sein Enkel und bricht in schallendes Gelächter aus. Unter Roys Sohn Dave ging es dann richtig voran mit dem Geschäft. Und Blake, die dritte Generation von Strong-Autohändlern, plagen Luxussorgen. “Ach, die Chinesen kaufen einfach zu viele Audis”, langsam habe er Angst, dass für Utah nichts mehr übrigbleibe, grinst er.

Bischof, ganz ausgelassen

Einen Bischof stellt man sich anders vor, ernster, nicht so ausgelassen. Für fünf Jahre ist Strong Laienbischof, dann hat er getan, was seine Kirche von ihm erwartet. Die Church of Jesus Christ of Latter-day Saints (LDS) kennt fast nur Ehrenämter. Irgendwann ist jeder mal dran, sofern er sich an die Regeln hält, weder Kaffee trinkt noch Zigaretten raucht und pflichtbewusst das Gebot befolgt, wonach ein Zehntel des Verdienten der Kirche zu spenden ist. Strong, zuständig für etwa 150 Familien, verbringt den ganzen Sonntag im Dienst der Mormonenkirche, dazu noch zwei, drei Abende jede Woche.

Gottesdienste sind zu leiten, Taufen zu organisieren. Als Bischof entscheidet er darüber, ob ein Teenager einen Schein bekommt, der ihn berechtigt, die heilige Unterwäsche der Mormonen zu kaufen und sie für den Rest seines Lebens zu tragen. Ohne sie darf keiner einen Fuß in den geheimnisvollen Tempel im Zentrum von Salt Lake City setzen. Heranwachsenden bringt er bei, woran sie im Leben denken sollen. “Keinen Ärger mit der Polizei! Geht in die Kirche! Hört auf eure Eltern!” So wie Strong seine Welt schildert, ist es eine sehr behütete, konservative. Und nie erstirbt das Lächeln in seinem Gesicht.

Der sprichwörtliche, bisweilen naive Optimismus der Mormonen, gepaart mit sehr amerikanischem Sendungsbewusstsein: Der New Yorker Broadway hat dem Phänomen ein ironisch angespitztes Musical gewidmet. In The Book of Mormon werden zwei 19-Jährige, wie fünfzigtausend ihrer Altersgenossen, als Missionare in die Ferne geschickt. Nach Uganda. Vor Ort biegen die beiden sich ihre Glaubenssätze so unbekümmert zurecht, dass sie für jedes Problem, von Aids bis Armut, Rat finden. Es ist ein spöttisches Stück, aber überraschend populär. Es passt zu einer Phase, in der Newsweek vom “mormonischen Moment” schreibt.

Zwei Mormonen fordern Obama

Zwei Mormonen, Mitt Romney und Jon Huntsman, bewerben sich darum, Barack Obama im Weißen Haus zu beerben. Zumindest Romney zählt zu den Favoriten im Feld der Republikaner. Harry Reid, der führende Demokrat im Senat, bekennt sich ebenso zur LDS-Church wie Glenn Beck, der schrille Moderator mit erzkonservativen Tea-Party-Parolen. Kein Wunder, dass Amerikas am schnellsten wachsende Religion in den Fokus rückt. Warum die Geheimniskrämerei im Tempel? Wie war das noch mal mit der Vielweiberei? Brigham Young, einer der Kirchengründer, soll 55 Frauen geheiratet haben. 1890 schoben seine Nachfolger der Polygamie einen Riegel vor, noch heute brodelt es in der Gerüchteküche. Im August wurde ein selbsternannter Prophet einer fundamentalistischen Mormonenkirche in Texas zu lebenslanger Haft verurteilt. Sofort ließ der Fall das alte Misstrauen aufflackern.

“Ein Drittel der Amerikaner hält uns nach wie vor für eine engstirnige Sekte”, weiß der Politikprofessor Quin Monson. Nach einer Pew-Umfrage würde jeder Vierte prinzipiell nicht für einen Kandidaten mormonischen Glaubens stimmen. Die Wahl 2012, für Monson wird sie zum Lackmustest. Eigentlich drehe sich alles um die Wirtschaft. Welcher Religionsgruppe ein Bewerber angehört, dürfte höchstens am Rande eine Rolle spielen, orakelt er. “Doch irgendein Baptistenpfarrer in den Südstaaten wird sicher wieder mit Dreck nach uns werfen.”

Das Allerheiligste

Auf dem Temple Square in Salt Lake City ragt das Allerheiligste auf, der mit unzähligen Türmchen verzierte Tempel. Und gleich neben diesem Vatikan der Mormonen entsteht das City Creek Center, ein Konsumtempel. Glaube und Geschäftstüchtigkeit, die Kombination ist typisch.

Auf 30 Milliarden Dollar wird das Vermögen der Heiligen der Letzten Tage geschätzt. Die Kirche betreibt einen Versicherungskonzern, ein Medienkonglomerat und die größte Rinderfarm der USA. Allgegenwärtiges Symbol ist der Bienenstock, eine Metapher für rastlosen Arbeitseifer. Auch Romney hat als junger Mann emsig missioniert. Paris und Bordeaux hießen seine Stationen. Man könne sich das ja vorstellen, hat er einmal erzählt: “Du kommst nach Bordeaux und sagst den Leuten, hört auf, Wein zu trinken, ich habe hier eine tolle Religion für euch.” Immerhin, auch die Ablehnung sei eine nützliche Erfahrung gewesen. Huntsman wurde nach Taiwan geschickt, wo er Chinesisch lernte. Ein Grund, warum ihn Obama zum Botschafter in Peking machte. Blake Strong war in Deutschland. Meist wurde er abgewimmelt, kaum dass er geklingelt hatte. Die Leute, sagt er gut gelaunt, hatten oft dieselbe Ausrede: “Meine Mannschaft spielt, bin gerade am Fußballgucken.” (Frank Herrmann aus Salt Lake City, STANDARD-Printausgabe, 1./2.10.2011)

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