America’s Underestimated Terrorists

Edited by Laurence Bouvard

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Frust und Zorn in Amerikas gewaltbereiter Neonazi-Szene wachsen, die Zahl der Anhänger rechtsradikaler Gruppen steigt. Doch die Öffentlichkeit ignoriert die Gefahr von rechts – sie sieht noch immer in al-Qaida die größere Bedrohung. Dies könnte sich als fataler Fehler erweisen: Etliche Radikale sind zum Äußersten bereit.

In den letzten Wochen seines Lebens müssen sich die Gedanken von Wade Michael Page verdüstert haben. Mitte Juni trennte sich der 40 Jahre alte Neonazi von seiner Freundin Misty und verließ die gemeinsame Wohnung in Milwaukee. Von Mitte Juli an ging er nicht mehr zur Arbeit in der Schweißerei.

Zwei Wochen später kaufte er eine Handfeuerwaffe Springfield XDM und drei Magazine mit je 19 Schuss. Der Inhaber des Geschäfts erzählte amerikanischen Medien später, Page habe gar nicht verdächtig gewirkt, er habe nicht blöd dahergeredet, nicht nach Alkohol gerochen. Anfang August erschien Page dann im Sikh-Tempel von Oak Creek, Wisconsin, erschoss sechs Unschuldige und dann sich selbst.

Wahrscheinlich hat Page seinen Hass nur deswegen gegen die friedlichen indischen Einwanderer gerichtet, weil sie dunkelhäutig waren, aber die möglichen Auslöser für die Tat – Beziehungsstress? Depression? Amoklauf? – sind unklar, und vielleicht wird man sie nie ermitteln. Allerdings bestätigt der Fall Page: Ein rechtsradikaler “einsamer Wolf” kann äußerst gefährlich sein, und der Staat kann ihm kaum rechtzeitig auf die Spur kommen.

Machtlos gegen notorische Skinheads

Frust und Zorn in Amerikas rechter Szene wachsen, ebenso die Zahl der Anhänger und Gruppen, aber es ist ein unübersichtliches Milieu. Selbst gegenüber notorischen Skinheads wie Page, die seit vielen Jahren alle Minderheiten offen verachten, ist die Polizei machtlos. Und obwohl auf amerikanischem Boden in den vergangenen zehn Jahren mehr Gewalt von Rechtsextremisten ausgegangen ist als von Islamisten, befasst sich die Öffentlichkeit noch immer mehr mit fremden Feinden wie al-Qaida als mit den Umtrieben ihrer heimischen, weißen Radikalen.

Page war Beobachtern der Szene seit mehr als einem Jahrzehnt bekannt. Der Kriminalexperte Pete Simi von der Universität Nebraska hat ihn von 2001 an sogar für eine Langzeitstudie über Jahre getroffen. Page war gerade aus der Armee entlassen worden und suchte in Kalifornien die Nähe rechtsradikaler Musiker. Er redete von jüdischer Weltverschwörung, der Verfolgung durch Schwarze, von Diskriminierung der Weißen.

“Er sah die weiße Rasse vor der Auslöschung. Das ist im Kern die Weltsicht der white supremacists”, erzählte Professor Simi in dieser Woche dem Sender PBS. “White supremacist” ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche Strömungen wie Skinheads, Neonazis, Ku-Klux-Klan-Anhänger und christliche Extremisten; sie alle halten die weiße Rasse für überlegen, aber auch für bedroht. Für Page war diese Ideologie das einzige Zuhause, jahrelang zog er mit dem Motorrad durchs Land, spielte in wechselnden Skinhead-Bands.

Etliche Radikale sind zum Äußersten bereit

Musik ist für die Szene wichtig, sie hetzt gegen Juden, Schwarze, Schwule und schafft dabei ein Gemeinschaftsgefühl. Die Botschaften sind äußerst aggressiv. “Gerade weil sie die weiße Rasse vor dem Aussterben sehen, halten sie Gewalt für gerechtfertigt. Angriffe auf andere sind demnach zulässig; eine Selbstverteidigung der Weißen”, erklärt Simi. Allerdings sei die Botschaft oft mehrdeutig: Viele riefen zur Gewalt auf, distanzierten sich aber, wenn sie geschehe. In rechtsextremen Internetforen wie Stormfront.org findet sich keineswegs nur Zustimmung zu Pages Bluttat: Manche finden, ein solcher Amoklauf schade der gemeinsamen Sache.

Etliche Radikale aber sind zum Äußersten bereit. Im Frühjahr erst wurden in Florida zehn Mitglieder der milizähnlichen Skinhead-Organisation “American Front” verhaftet, weil sie zum 1. Mai einen Angriff auf Alternative geplant hatten. Die Front hatte große Mengen Waffen gehortet und trainierte regelmäßig für den “Rassenkrieg”.

Laut den Gerichtsunterlagen war das Grundstück des mutmaßlichen Anführers Marcus Faella wie ein paramilitärisches Übungsgelände gestaltet: Stacheldraht, Pit-Bull-Hunde, Schützengräben, Vorräte an Munition und Lebensmitteln. Offenbar experimentierte Faella auch mit Chemikalien. Er träumte von einem “Arier-Lager”, in dem sie gemeinsam leben würden und erhoffte sich von öffentlichkeitswirksamem Terror mehr Nachwuchs. Der geplante Angriff auf eine Linken-Demo scheiterte, weil die Polizei einen V-Mann eingeschleust hatte.

Die Zahlen über Terrorismus in den USA entsprechen nicht der öffentlichen Wahrnehmung. Während al-Qaida seit dem 11. September 2001 als größte Gefahr gilt, gehen die meisten Terrorfälle der vergangenen zehn Jahre von Rechtsextremisten aus oder von Gruppen, die zwar nicht in erster Linie rassistisch sind, aber die Regierung oder den Staat als solche ablehnen und ideologisch weit rechts stehen.

Nach einer Untersuchung der New America Foundation gehen nicht nur die meisten Terrorfälle von diesen beiden Fraktionen aus, sondern auch die gefährlichsten, jene also, in denen Sprengstoffe oder gar Chemiewaffen im Spiel sind. 2003 wurde der Milizionär William Krar in Texas verhaftet, er hatte eine Bombe mit Cyanid (Blausäure) gebaut, konventionelle Sprengsätze gehortet und Hunderttausende Schuss Munition.

Wut über Obamas Wahlsieg

Das Gefühl, seit dem Amtsantritt des schwarzen Präsidenten Obama und dem Beginn der Wirtschaftskrise endgültig zu den Verlierern zu gehören, könnte weiße Extremisten noch öfter zum Äußersten bewegen. Gleichzeitig haben Terrorexperten der Regierung vorgeworfen, zu viele Ressourcen aus der Verfolgung der Neonazis abgezogen zu haben.

Das FBI verteidigt sich mit dem Hinweis auf ganz andere Hürden: Skinheads wie Page könnten in ihrer Musik und auf ihren Websites so viel Hass verbreiten, wie sie wollten, denn dieses Recht sei von der Verfassung geschützt. Anders als in Deutschland steht Volksverhetzung nicht unter Strafe. Ein Aktenzeichen können die Ermittler erst dann anlegen, wenn ein Extremist einer speziellen Person mit Gewalt droht oder Gewalttaten gegen ein konkretes Ziel vorbereitet.

Im Fall des einsamen Wolfes Page hat dies offenbar niemand mitbekommen, bis er am Sonntagmorgen mit seiner neuen Pistole den Tempel betrat. Er benötigte zur Vorbereitung kein Trainingslager und keine Komplizen. In den Waffenläden des Landes ist das Arsenal für rassistische Massenmorde jederzeit verfügbar.

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