A Brutal Society

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29. November 2014

Brutale Gesellschaft

Von Francis Wagner.

Als hätte es ihrer noch bedurft, hat die Erschießung eines mit einer Spielzeugpistole „bewaffneten“ Kindes in Cleveland einmal mehr deutlich gemacht, dass für die öffentliche Macht in den USA das Leben eines Schwarzen nicht sehr viel Wert hat.

Denn selbst wenn der Knirps zu Hause eine echte Pistole entwendet gehabt hätte (was angesichts der Arsenale, die in US-Haushalten völlig legal gehortet werden, nichts Außergewöhnliches wäre und daher tatsächlich immer wieder vorkommt), dann hätte die Polizei doch wohl andere Mittel gehabt, zu reagieren, als diesen Jungen kaltblütig abzuknallen. Die USA stellen sich dem Rest der Welt als Land der Freien und der Freiheiten dar, doch ist diese Gesellschaft fundamental krank.

Es ist ja wohl alles andere als normal, dass die Schwarzen, die einen Anteil von etwa 13 Prozent an der Gesamtbevölkerung haben, nur gut neun Prozent der Bachelor-Diplome davontragen, dafür aber fast 40 Prozent der Knastbevölkerung ausmachen.

Gefangen in der Armut

Sicher, in diesem Land kann ein Schwarzer Staatschef, Generalstabschef oder Bundesrichter werden. Viele Schwarze jedoch erleben die obersten Sphären des Staates oder der Wirtschaft eher als Putzkraft, Wachpersonal oder Bedienung. Und für etliche andere, die keine Arbeit haben, noch nie hatten und mit einiger Wahrscheinlichkeit niemals haben werden, bietet die Zukunft nichts anderes als ein trostloses Dasein in heruntergekommen und gewaltschwangeren Armengettos.

Dem typischen Weißen ist das, nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“ einigermaßen gleichgültig … solange die Schwarzen hauptsächlich unter sich bleiben und sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen.

Und wenn die Gewalt über die Grenzen des Gettos hinaus zum Problem wird, dann schickt man eine Polizei, die von ihrer Bewaffnung her in keinem Rechtsstaat dieser Welt etwas verloren hätte, sondern eher jener paramilitärischen Soldateska entspricht, welche die Despoten und Diktatoren dieser Welt zur Unterdrückung ihrer Aufmüpfigen und Unzufriedenen von der Kette lassen. Das „Land of the Free“ ist ein Hort der Freiheit für jene, die sich die Freiheit finanziell leisten können. Für die da unten bringt es oft ganz einfach die unentrinnbare Gefangenschaft in Armut und Perspektivlosigkeit.

Cleveland hat erneut deutlich gemacht, dass die Hochrüstung der US-amerikanischen Gesellschaft in eine Sackgasse führt. Die Einbruchswelle in Luxemburg z.B. hat gezeigt, dass in einem Land, wo die Bürger unbewaffnet sind, auch die Einbrecher in der Regel keine Feuerwaffen mit sich führen.

Verfügte bei uns wie in den USA eine Mehrheit der Haushalte über eine Pistole im Nachtischschrank, hätte wohl auch hierzulande schon mehr als einmal einer jener blutigen Showdowns zwischen braven Bürgern und Verbrechern stattgefunden, wie sie in den USA leider alltäglich sind. Wobei es im Gegensatz zum Hollywood-Klischee längst nicht immer der Schlechte ist, der am Ende einer solchen Auseinandersetzung den Kürzeren zieht. Eine bewaffnete Gesellschaft ist eine brutale Gesellschaft und keineswegs eine solche, in welcher das Gute über das Böse triumphiert.

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