The New York Times Pleases the Enemies of Freedom

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Die “New York Times” erfreut die Feinde der Freiheit

Von Mathias Döpfner

19.01.15

Es sind manchmal Nebensätze oder auch nur Worte in Parenthese, die die Welt verändern. Im Leitartikel des angesehensten Mediums der westlichen Welt stand nun solch ein Satz – und er ist katastrophal.

In der wohl angesehensten und wahrscheinlich immer noch besten Zeitung der Welt, der “New York Times”, erschien gerade ein Leitartikel zu dem Attentat auf “Charlie Hebdo”. Wie meist an dieser Stelle namentlich nicht gezeichnet und in besonders hervorgehobenem Layout, also betont letztinstanzlich für die ganze Zeitung sprechend, beschäftigt er sich unter der Überschrift “Charlie Hebdo und Meinungsfreiheit” mit der Frage, wie weit die Meinungsfreiheit gehen dürfe und ob es nicht auch für den radikalen Säkularismus – wie für religiösen Fundamentalismus – Grenzen geben müsse.

Die Gedankenführung ist zwar bisweilen etwas girlandenhaft unentschlossen, aber alles andere als aufrüttelnd. Bis dann ziemlich am Schluss der entscheidende Satz kommt: “Geschmäcker, Standards und Situationen ändern sich, und am besten ist es für Redakteure und Gesellschaften insgesamt, am Ende danach zu urteilen, was geeignet – oder sicher – zu drucken ist. (wörtlich: “To judge what is fit – or safe – to print”).

Wenn man das dreimal liest, wird klar: Das ist die offizielle Bankrotterklärung, die finale Unterwerfung der Pressefreiheit gegenüber der terroristischen Gewalt. Denn was in der internationalen Ausgabe der Zeitung erschien, das heißt; Sicherheit ist wichtiger als Wahrheit. Sicherheit ist wichtiger als Freiheit. Und dazu hat schon Benjamin Franklin gesagt: Der Mensch, der bereit ist, seine Freiheit aufzugeben, um Sicherheit zu gewinnen, wird beides verlieren.

Dies ist die Unterwerfung der Pressefreiheit unter den Terror

Vor wenigen Tagen hatte ich mehrfach öffentlich meine Sorge geäußert, dass die Attacke auf eine ganze Redaktion im Zentrum der westlichen Welt langfristig eine Verhaltensänderung, eine neue Vorsicht und Zurückhaltung mancher Medien im Umgang mit islamistischem Fundamentalismus bewirken könnte – nach dem Motto: Wir wollen doch nicht provozieren – und dass dies der ultimative Sieg der Terroristen sein würde.

Ich dachte dabei an Zeiträume von ein paar Monaten, nachdem sich die erste Welle der Solidarität gelegt hat. Ich dachte dabei an kleine, wirtschaftlich geschwächte und redaktionell verunsicherte Regionalzeitungen oder Blogs. Dass das schon jetzt und ausgerechnet mit der stärksten und lange Zeit unerschrockensten Zeitungsmarke der Welt passieren würde, die sich obendrein anschickt, mehr und mehr zu einem der digitalen Leitmedien zu werden – das hätte ich mir nicht träumen lassen. Im Übrigen wurden die Wirkungen dieses Denkens schon vor der Veröffentlichung des Kommentars sichtbar: Der Anlass des Terrors in Paris, die Cartoons in “Charlie Hebdo”, durften in der “New York Times” vorsichtshalber nicht gezeigt werden.

Die Bürger sind offenbar mutiger als ihre Medien

Es ist umso bitterer, weil sich die Bürger insgesamt auf diesem Globus sehr viel vernünftiger, moderner, klarer und mutiger verhalten haben als viele befürchteten: maximale Solidarität mit den Opfern, kein Verständnis für die Täter, klare Bekenntnisse zur Freiheit allgemein und der Pressefreiheit und Satirefreiheit im Besonderen und keine Anfälligkeit für pauschale Schuldzuweisungen, Islamophobie und Rassismus.

So stellt man sich die moderne westliche Gesellschaft idealerweise vor. Der Souverän der Bürger ist mündiger als seine Mündel, manche Politiker und manche Journalisten, je gedacht hätten. Vor allem sind die Bürger offenbar mutiger als ihre Medien.

Die “New York Times” trägt seit mehr als einem Jahrhundert stolz einen Leitspruch in ihrem Zeitungskopf: “All the news that’s fit to print”. Das war ein beherzter Schlachtruf der Unabhängigkeit und redaktionellen Courage. Der Spruch sollte nach dem Leitartikel jetzt konsequenterweise umformuliert werden: “All the news that’s safe to print”. Die Feinde der Freiheit werden sich freuen.

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