United Against the Elite

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Gemeinsam gegen die Elite

Von Heike Buchter

29. Januar 2016

Wer die Anhänger von Donald Trump als dumpfe Toren abschreibt, macht es sich zu einfach. Trump bedient eine Wut in der Bevölkerung, die sich seit Langem angestaut hat.

Vor ein paar Monaten noch war Donald Trump ein Politik-Clown, der wie Eiscreme und Grillfeste mit dem Ende des Sommers verschwinden würde. So wurden die Präsidentschaftsambitionen des New Yorker Milliardärs von den selbst erklärten Meinungsmachern in Zeitungskolumnen im In- und Ausland abgeschrieben. Auf Twitter und auf Partys gehörte es zum guten Ton aufgeklärter Amerikaner, sich peinlich berührt vom “Trumpism” ihrer Landsleute zu distanzieren.

Und selbst jetzt, wo der Populist mit seinen Hasstiraden immer näher an die tatsächliche Macht gerückt ist, scheint die urbane Elite unwillig zu sein, auf die Gründe für Trumps spektakulären Erfolg einzugehen. Nachdem Sarah Palin – Trumps Vorläuferin und weibliche Entsprechung – öffentlich Trumps Kandidatur unterstützte, spottete Andy Borowitz, Parodist der Intellektuellenpostille The New Yorker: “Dank Palins Wahlempfehlung kann Trump seinen Vorsprung unter Idioten ausbauen.”

Doch Trumps Anhänger als dumpfe Toren abzuschreiben, ist nicht nur zu einfach, sondern auch gefährlich. Trump, wie Alaskas Ex-Gouverneurin Palin vor ihm, reitet eine Welle der Wut, die sich seit Langem angestaut hat. Er spricht diejenigen an, die sich von dem neuen Amerika, das nach der Finanzkrise und Rezession entstanden ist, abgehängt und vergessen fühlen. Das erklärt, warum der Immobilienmogul und Reality-TV-Star ausgerechnet in West Virginia beliebt ist. In dem Bundesstaat regiert King Coal: Die Kohleminen haben dort Generationen beschäftigt.

Doch die USA wenden sich von der Kohle ab. Stromkonzerne stellen auf Erdgas um. Das ist billiger, seit durch neue Fördermethoden wie Fracking Schiefergasvorkommen angezapft werden. Die Regierung fördert den Trend, die Abkehr von Kohle als Brennstoff ist Teil von Präsident Obamas Umweltpolitik. 40 Prozent der 523 US-Kohlekraftwerke sind bereits zur Schließung vorgesehen. Neue Auflagen machen den Neubau von Kohlekraftwerken wirtschaftlich unattraktiv. Im August 2015 hat Alpha Resources, bis dahin der zweitgrößte US-Kohleproduzent, Insolvenz angemeldet. Peabody Energy, die Nummer eins, kämpft mit Verlusten. In den Kohleregionen hat das natürlich Folgen: Gut bezahlte Jobs verschwinden. Die Betroffenen haben den Schuldigen ausgemacht: “Obama führt Krieg gegen uns” steht auf Plakaten, die in vielen Vorgärten dort stehen.

Früher Demokrat, jetzt Trump-Fan

Trumps Anhänger stammen vorwiegend aus der Arbeiterschicht. Einst wählten sie die Demokraten, heute identifizieren sie sich mit den Republikanern, so eine Analyse der Wahlforschungsfirma Civis Analytics für die New York Times. Sie fühlen sich verprellt durch die liberale Einwanderungspolitik und die Freihandelsagenda, für welche die Demokratische Partei inzwischen steht. Es ist kein Zufall, dass Vorstandsgrößen wie Sheryl Sandberg von Facebook und Eric Schmidt von Alphabet (die Google-Holding) zu den Unterstützern von Hillary Clinton zählen. Silicon Valley ist darauf angewiesen, Programmierer aus dem Ausland anzuziehen. Immigranten und Freihandel haben zum Wachstum der US-Wirtschaft beigetragen.

Doch von den Früchten dieses Wachstum findet sich nicht viel in West Virginia, im armen Süden oder im ehemaligen Industriegürtel des Nordens. Für die untere Mittelschicht dort hat sich die Lage verschlechtert. Und eine Besserung ist nicht in Sicht. Eine Studie des Economic Policy Institute in Washington belegt, dass die Vergütung normaler Arbeitnehmer seit den 70er Jahren deutlich hinter dem Produktivitätswachstum zurückgeblieben ist. Der größte Teil der Gewinne, vor allem in den USA, floss an die Einkommensspitze.

Erfolg in strukturschwachen Regionen

Die Civis Wähleranalyse zeigt, dass Trump besonders stark im Bundesstaat New York abschneidet. Es sind Wahlbezirke, die in jeder Hinsicht weit weg sind von seinem pompösen Trump Tower an der noblen Fifth Avenue in New York. Es sind Orte wie Fleischmanns. 351 Einwohner hat das Dorf, das etwa drei Autostunden von der City in den Catskills liegt. In dem Mittelgebirge boomten einst im 19. Jahrhundert Gerbereien. Dann kamen Farmer, schließlich wohlhabende New Yorker, die für einen Tourismusboom sorgten. Fleischmanns ist nach dem Hefe- und Whiskey Magnaten Charles Louis Fleischmann benannt, der dort eine Sommer-Kolonie unterhielt. Wenn er mit seiner Familie anreiste, spielte am Bahnhof eine eigene Kapelle auf.

An der Main Street reihen sich noch immer die Häuser im schnörkeligen, viktorianischen Stil mit Türmchen und Terrassen. Doch viele Gebäude stehen leer. Genauso wie der Parkplatz neben dem einzigen Supermarkt. Drinnen finden sich in einem Regal ein paar dunkel verfärbte Bananen und auskeimende Zwiebeln. In der ansonsten ausgeräumten Kühltheke dämmern eine Salami und eine grau-pinke Fleischwurst. Gut ausgestattet ist der Laden dagegen mit Bier und Spirituosen. Betuchte Besucher aus der Stadt kommen zwar nach wie vor in die Gegend. Doch sie laden vor der Fahrt in ihr privates Feriendomizil den Kofferraum mit kalifornischem Wein und Gemüse aus dem Bio-Megamarkt Whole Foods voll.

“Der Staat, die Wirtschaft, alle haben uns vergessen”, klagt ein Farmer aus der Umgebung. Seine letzte Hoffnung auf einen Aufschwung und eine Zukunft für seine Kinder war der Fracking Boom. Unter den Catskills liegt eines der großen Schiefergasvorkommen der USA. Bis vor einem Jahr sahen sich viele Grundbesitzer hier als Millionäre in spe. Doch New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo hat Fracking bis auf Weiteres verboten. Dafür habe er sich nach langem Zögern und immer neuen Studien entschieden, so Cuomo 2014: Die Risiken seien nicht abschätzbar. Der Demokrat, dem Präsidentschaftsambitionen nachgesagt werden, hat dabei sicherlich neben den Stimmen der Umweltbewussten auch die Tatsache im Blick, dass New York Citys acht Millionen Einwohner ihr Trinkwasser aus den Catskills beziehen. Seit Jahren kauft die Stadt deshalb hier Land auf. Siedlungen müssen Reservoirs weichen, beaufsichtigt vom städtischen Umweltamt DEP. Die strengen Wasserschutzvorschriften gelten auch für angrenzende Gebiete und sorgen immer wieder für Spannungen mit den Anwohnern.

Es gibt viele Fleischmanns in den USA, viele Regionen wie die Catskills. Bundesstaaten, die von den Küstenbewohnern gerne mal als Fly-over-Staaten bezeichnet werden: wenig mehr als Landmasse, die es zu überwinden gilt, um von New York nach San Francisco zu gelangen. Über die Bewohner dieses vergessenen Amerikas sagte Obama in einem unbedachten Moment einmal: “Sie werden bitter und klammern sich an ihre Waffen und an ihre Religion.” Klarer kann man Verachtung kaum ausdrücken. Die Menschen fühlen sich nicht nur ökonomisch abgehängt. Dazu kommt das Gefühl, unbeliebte Vorschriften von fernen, urbanen Eliten zu bekommen – wie etwa die Forderungen nach schärferen Waffengesetzen.

Lange haben die Republikaner die Angst der Zurückgelassenen vor kulturellem und demographischem Wandel für ihre Zwecke ausgenutzt. So organisierten sie Mehrheiten für Steuersenkungsprogramme und Deregulierung, die ihre wohlhabenden Wahlkampfspender verlangen. Trump geht einen Schritt weiter und gibt sich offen rassistisch. Die Republikaner hätten den Sturm gesät, den Trump nun ernte, schreibt der Financial Times-Kolumnist Martin Wolf. “Verlierer haben auch Wahlrecht”, mahnt er. Die Eliten müssten schnell eine intelligente Antwort finden.

Es könnte schon zu spät sein.

Er könne auf der 5th Avenue stehen und wahllos Leute erschießen, ohne Wähler zu verlieren, prahlte Trump kürzlich. Solche Äußerungen mögen die Medien und Washingtons politische Klasse erschauern lassen. Wahr ist aber auch, dass sie seinen Anhängern gefallen. Trump bricht mit Lust die Regeln des Establishments, dafür bewundern sie ihn. Sie wolle auch wieder zu den Gewinnern gehören, sagte eine Trump-Sympathisantin bei einer seiner Veranstaltungen den Reportern des Wall Street Journals. Genau das verspricht Trump, der selbst erklärte ewige Gewinner, seinen Fans.

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