He Needs the Vaccine

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Putin hat schon einen. Also braucht Trump ihn auch. Auf der ganzen Welt arbeiten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen an der Entwicklung eines Impfstoffes gegen das neuartige Coronavirus. Und die USA wollen unbedingt unter den Ersten sein. Mehrere mit Milliarden von Steuergeldern geförderte Unternehmen sind dabei, eine Impfung zu entwickeln – unabhängig von den gemeinsamen Bemühungen anderer Staaten.

Und offenbar wird es nun konkret: Vor einigen Tagen verschickte die US-Infektionsbehörde CDC Anweisungen an alle Bundesstaaten, sich für die Verteilung eines Impfstoffs ab dem 1. November bereitzuhalten und entsprechend vorzubereiten. Die Impfungen, schreibt die Behörde in ihrem Rundbrief, sollen zunächst vorrangig Beschäftigten im Gesundheitssektor sowie Alten- und Pflegeheimen zur Verfügung stehen.

Ein verdächtig gutes Timing. Denn am 3. November wird der nächste US-Präsident gewählt. Amtsinhaber Donald Trump braucht dringend einen Erfolg, den er pünktlich zum Wahltermin vorzeigen kann. Wegen seines Missmanagements in den ersten Wochen und Monaten der Pandemie sind seine Zustimmungswerte in der Bevölkerung eher bescheiden: 57,1 Prozent sind mit Trumps Corona-Politik unzufrieden, nur 39 Prozent befürworten sie. Auch dass die US-Wirtschaft nach schlimmen Krisenmonaten erste Anzeichen der Erholung zeigt und im August 1,4 Millionen Jobs entstanden, dürfte Trump wenig nützen.

Trump will schneller als das Licht sein

Denn noch sieht es nicht gut aus. Mehr als sechs Millionen Menschen in den USA haben sich schon mit Sars-CoV2 infiziert, die Johns-Hopkins-Universität zählt aktuell mehr als 187.000 Todesfälle, neuste Schätzungen gehen bis Jahresende von mehr als 400.000 Toten aus. Die Versäumnisse der Trump-Regierung, die Warnhinweise zu Beginn der Pandemie ignorierte, später dringend benötigte Testkapazitäten nicht ausbaute und stattdessen eine rasche Öffnung der Wirtschaft vorantrieb, werden mit den täglich neuen, fünfstelligen Infektionszahlen immer offensichtlicher.

Donald Trump setzt alles daran, davon abzulenken. Nachdem er die Ernsthaftigkeit des Virus zu Anfang noch heruntergespielt hatte, macht der Präsident den US-Bürgerinnen und US-Bürgern nun seit Monaten Hoffnung darauf, dass es bald einen Impfstoff geben werde. Schon im Mai startete das Weiße Haus ein Projekt mit dem Ziel, bis Januar 2021 rund 300 Millionen Impfdosen zu verteilen, die ersten bereits im Oktober. Das Projekt trägt den vielsagenden Namen Operation Warp Speed, angelehnt an einen Ausdruck aus der Science-Fiction-Literatur: mit einem solchen Antrieb reist man schneller als mit Lichtgeschwindigkeit.

Eine noch nie zugelassene Innovation

Normalerweise dauert die Entwicklung von Impfstoffen bis zur Zulassung mehrere Jahre. Donald Trump aber braucht ihn schneller. Aus Regierungskreisen wird berichtet, der Präsident habe in Meetings wiederholt Druck ausgeübt. Bei seiner jüngsten Wahlkampfrede in Pennsylvania versprach er dann eine Impfung noch vor Ende Oktober: “Wäre das nicht schön?” Nicht wegen der Wahl, natürlich, schob er gleich hinterher: “Sondern weil wir die Menschen retten wollen.” Sein Vize Mike Pence hatte bereits zuvor von einem “Wunder” gesprochen, das unmittelbar bevorstehe und ein “Tribut an Donald Trumps Führungsstärke” sei.

Das Kalkül dahinter ist offensichtlich: Sobald der Impfstoff erst mal verfügbar ist, gerät alles andere schnell in Vergessenheit. Nur dann werde er nicht als der Präsident aus dem Amt scheiden, der mutmaßlich für unnötiges Leiden und Sterben mitverantwortlich ist. Trump will derjenige sein, der das Land rettet – und deshalb wiedergewählt wird. In seiner Rede beim Nominierungsparteitag der Republikaner schwor er: “Wir werden das Virus besiegen, die Pandemie beenden und stärker als je zuvor daraus hervorgehen!”

Wissenschaftler und Demokraten sind skeptisch

Die beiden Unternehmen, um deren Forschung es bei dem geplanten Start zum November geht – Moderna und Pfizer – basteln jedenfalls an einer Innovation, die bisher noch nie für die Anwendung am Menschen zugelassen wurde. Sie entwickeln einen Impfstoff auf Basis eines Trägers von Erbinformationen. Dabei wird nicht eine abgeschwächte oder inaktive Form des Erregers gespritzt, sondern dessen Erbgut, das eine Art Bauplan für ein Protein auf die Oberfläche des Virus übermittelt, gegen das sich der Körper dann wehren soll. Die Phase 3 der Entwicklung, in der an Zehntausenden Versuchspersonen getestet wird, ob der Impfstoff sicher, wirksam und verträglich ist, ist noch nicht abgeschlossen.

Tal Zaks, Chefmediziner bei Moderna, berichtete vor Kurzem in einem Interview mit ZEIT ONLINE, dass zwar alle Testpersonen bisher schon nach der ersten Impfung eine “deutliche Immunantwort” gezeigt hätten. Gleichzeitig sagte er, man hoffe, dass zum Ende des Jahres erste Ergebnisse vorlägen. Das klingt nicht, als sei ein Impfbeginn im November ernsthaft realistisch. Selbst der Leiter von Operation Warp Speed, Moncef Slaoui, sagte dem Radiosender NPR, der Zeitplan sei zwar nicht unmöglich, aber höchst unwahrscheinlich: “Es gibt eine sehr, sehr geringe Chance, dass die Versuchsreihen bis Ende Oktober abgeschlossen sind.” Er rechne eher mit ersten Impfungen zum Jahresende und einer flächendeckenden Immunisierung Mitte 2021. Dass die Infektionsbehörde CDC die Bundesstaaten anschreibe, sei eher vorausschauend zu deuten. Politische Fragen seien bei der Entwicklung der Impfstoffe “irrelevant”.

Für Donald Trump jedoch sind Behörden und Wissenschaft keine Kooperationspartner oder gar Autoritäten, sondern politische Gegner: Wenn sie nicht so handeln, wie er es will, werden sie zum Ziel der präsidentiellen Rage. Ende August etwa hatte Trump die US-Arzneimittelbehörde FDA – die für die Zulassung von Impfstoffen zuständig ist – per Tweet verunglimpft: “ein tiefer Staat oder wer auch immer” erschwere die Entwicklung. Führende Politiker der Demokratischen Partei wie auch der frühere Chef des CDC mahnten daraufhin, dass Sicherheit und Wirksamkeit bei einem Impfstoff absoluten Vorrang haben müssten. Offenbar sehen das auch die Hersteller selbst so: Am Freitag berichtete das Wall Street Journal von einem gemeinsamen Appell mehrerer Unternehmen, darunter Moderna und Pfizer, ihre Impfstoffe nicht zuzulassen, bis deren Wirksamkeit und Sicherheit erwiesen seien.

Weitere Katastrophen verhindern

War also alles nur Show? Das wird sich zeigen. Die Entscheidung der Arzneimittelbehörde FDA über die Zulassung der ersten Impfstoffe ist für den 22. Oktober angesetzt. Eigentlich gilt die Regel, dass ein Impfstoff um 50 Prozent wirksamer sein muss als ein Placebo, um zugelassen zu werden. Die Behörde hat in den vergangenen Monaten aber immer wieder Sonderbefugnisse eingesetzt, um etwa Corona-Tests und Behandlungsmöglichkeiten schneller zuzulassen als vorgesehen. So durfte – trotz Warnungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern – auch ein von Donald Trump exzessiv beworbenes Malariaprophylaxemittel zur Behandlung von Covid-19-Patienten eingesetzt werden. Später stellte sich heraus, dass es eher schadete als nutzte. Daraufhin widerrief die FDA die Genehmigung.

Eine ähnliche Katastrophe dürfte die Behörde bei den Impfstoffen vermeiden wollen. In den USA stehen viele Menschen dem Thema Impfen ohnehin skeptisch gegenüber, es droht weiteres Vertrauen verloren zu gehen. Eine aktuelle Umfrage der Zeitung USA Today ergab, dass zwei Drittel der Befragten sich nicht sofort bei Verfügbarkeit eines Corona-Mittels impfen lassen würden.

Dabei dürfte der Druck aus dem Weißen Haus noch erheblich steigen, je näher der Wahltag rückt. Donald Trump braucht den Stoff, auch deshalb, weil er sein Land in dieser Sache vollkommen vom Rest der Welt abgespalten hat. Die USA boykottieren die Weltgesundheitsorganisation und damit auch die internationale Impfstoff-Initiative Covax, an der sich unter anderem Deutschland und die EU beteiligen. Man werde sich nicht “von multilateralen Organisationen einschränken” lassen, hieß es aus dem Weißen Haus. Scheitert die heimische Impfstoffzulassung im Oktober, könnte diese Strategie für Donald Trump in einer heftigen Niederlage enden.

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