Creeping Retreat

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Donald Trump ist der interessanteste Mensch auf Erden. Wir “Pressbengel”, wie Bismarck die Journalisten nannte, haben Trump Billionen von Bytes und Kesselwagen voller Druckerschwärze geschenkt. Dafür hat er uns, zumal den linksliberalen Medien, traumhafte Auflagen verschafft. Der Mann war Kitzel pur, eine Mischung aus Furcht, Faszination und Amoral. Er wird uns fehlen, denn der Gauner ist immer interessanter als der Geschröpfte, der Schurke unterhaltsamer als der anständige Kerl Joe Biden. Wen finden wir spannender: Shakespeares edle, selbstlose Julia oder König Lear, der im Wahn durch die sturmgepeitschte Heide irrt?

Abgang Trump? Natürlich, denn er ist auf dem Weg in die Rente, und sein Widerstand wird täglich schwächer – wie bei einem waidwunden Tier, das sich in sein Schicksal fügt. Bidens Amerika wird auch nicht mehr die Gemüter reizen, weil Trump nach endlosen Winkelzügen den geordneten Übergang freigegeben hat. Dass Team Biden nun Akten einsehen und mit den Hebeln der Macht üben kann, ist die vorgezogene Kapitulation.

Es werden uns “Pressbengel” die Schauermärchen fehlen, die so viel packender sind als dröge Berichte über die amerikanische Steuer- und Gesundheitspolitik. Ein paar Wochen lang konnten die Medien – die amerikanischen inklusive – die Vereinigten Staaten als Bananenrepublik zeichnen, wo Trump gar den Putsch plane.

Wo er sich mit dem Colt auf dem Schreibtisch im Oval Office verschanzt. Wo er seine bewaffneten Getreuen auf die Straße schickt, um bürgerkriegsmäßig die Staatsmacht zu kapern – der Twitter-Man als Lenin. Wo er durch Lug und Trug die Verfassungsmechanik lahmlegt, um so Joe Biden den Wahlsieg zu rauben – am Wähler, am Kongress und am Supreme Court vorbei.

“So funktioniert unsere Verfassung nicht”, lautet der ätzende Kommentar des konservativen Bundesrichters Matthew Brann. Die hat immerhin 230 Jahre lang gehalten, derweil in Europa Hunderte von Verfassungen zerrissen und verbrannt worden sind. Nein, Mr. President, so Brann: Wer vor diesem Gericht beantragt, “Millionen rechtmäßiger Wählerstimmen zu kippen”, müsse schon “solide Beweise für systematische Fälschung erbringen”. Stattdessen hätten Trumps juristischen Hintersassen ihre Begründung wie ein “Frankenstein-Monster zusammengestückelt”.

Er – Brann – werde nicht das Wahlresultat im größten Swing State Pennsylvania aufheben, wo Trump mit 80.000 Stimmen hinter Biden liegt. So ähnlich erging es den Trumpisten in Dutzenden anderer Fälle in kritischen Wahlbezirken quer durchs Land. Die Institutionen waren stärker als Trump. Zuletzt hat der Wahlleiter das Pro-Biden-Resultat in dem klassischen Wackelstaat Michigan bestätigt.

Trump darf man in diesem Verzweiflungskampf zugutehalten, dass er eben nicht den Staatsstreich probt. Er nimmt den tradierten Rechtsweg, was als gequältes Kompliment für die Constitution zu werten ist. Oder zumindest als verspätete Einsicht in die Notwendigkeit. Jetzt bleibt dem Wahlverlierer nur noch der Supreme Court. Bloß dürfte ihm der auch nicht helfen.

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