The Gig Economy of Criminals

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In Kalifornien häufen sich Raubüberfälle auf Nobelkaufhäuser. Dahinter stecken Kriminelle, die Täter über Soziale Medien anwerben. Brauchen die USA härtere Gesetze?

Kalifornien, der Bundesstaat mit dem sonnigen Image, wurde zuletzt von einer Jahrhundertdürre, tödlichen Waldbränden und der Pandemie heimgesucht. Und nun schwappt eine Welle der Kriminalität über die Bewohnerinnen und Bewohner, wie ein Freund aus San José beklagt.

Jüngstes Beispiel ist der Vorfall im Westfield in Topanga am vergangenen Mittwoch, dem Vorabend des Thanksgiving-Fests. In einem Einkaufszentrum in der Nähe von Los Angeles herrschte entsprechend Trubel, als plötzlich fünf Männer in Skimasken in das Nobelkaufhaus Nordstrom stürmten. Sie griffen sich sieben oder acht Luxushandtaschen, sprühten einem Sicherheitsmann Pfefferspray ins Gesicht und flohen anschließend mit ihrer Beute in einem grauen Ford Mustang.

Der dreiste Überfall ist umso schockierender, weil es sich keineswegs um einen

Einzelfall handelt. Am Vormittag desselben Tages waren vier Teenager, die sich mit Hoodies und Masken tarnten, in einen Apple Store in Santa Rosa eingedrungen und hatten sich von den Tresen Geräte im Wert von 20.000 US-Dollar geschnappt, bevor sie fliehen konnten. Für Nordstrom war es bereits die dritte Filiale in nur zehn Tagen, die in dieser Weise attackiert wurde. In einem Fall waren nach Schätzungen der Polizei rund 80 Verdächtige beteiligt. Zeugen filmten die Täter, die, beladen mit Taschen und Kleidung, in wartende Fahrzeuge stiegen. Mit noch brutalerer Gewalt gingen neun Räuber vor, die Mitte November einen Juwelierladen in Concord, einer 125.000-Einwohnerstadt nordöstlich von San Francisco, ausraubten. Mit Vorschlaghämmern schlugen sie so lange auf die Vitrinen ein, bis sie das Sicherheitsglas zertrümmerten. Sie sollen Waren im Wert von bis zu 200.000 US-Dollar geklaut haben.

Und mitten in San Francisco spielten sich am 19. November, einem Freitag, Szenen ab, die aus einem Hollywood Streifen hätten stammen können: Eine Gruppe von etwa 30 Tätern schlug im Einkaufsviertel am Union Square Schaufensterscheiben von Louis Vuitton, Yves Saint Laurent und Burberry ein und räumte die Regale leer.

Die Drogeriekette Walgreens erklärte kürzlich, die Diebstahlquote in ihren Filialen in Kalifornien sei fünfmal so hoch wie im Rest des Landes. Walgreens hat inzwischen Standorte geschlossen, angeblich weil dort das Klauen überhandnahm. Es mag aber auch an nachlassenden Umsätzen gelegen haben.

Wie auch immer: Mit Ladendiebstahl hat das alles nichts mehr zu tun. Die Polizei geht zwar nicht davon aus, dass die Vorfälle direkt zusammenhängen. Doch die Ermittler vermuten Drahtzieher im Hintergrund, die über soziale Medien potenzielle Handlanger ansprechen und die Aktionen koordinieren. Die Täter erhielten 1.000 US-Dollar und mehr für ihren kriminellen Einsatz. Die gestohlene Ware werde über die Staatsgrenze geschafft und dann über Onlineseiten verkauft. Offenbar entdecken auch Kriminelle die Vorteile von Gig-Work und Digitalisierung.

Für Konservative sind die wahren Schuldigen jedoch woanders zu suchen: in den Reihen der Justizreformer. In den vergangenen Jahren haben einige Politiker und Staatsanwälte begonnen, eines der großen sozialen Probleme der USA anzugehen: die massenhafte Inhaftierung. Seit den Siebzigerjahren nimmt die Zahl der Gefängnisinsassen stetig zu. Nirgendwo sonst auf der Welt sind es so viele – sowohl in absoluten Zahlen als auch pro Einwohner. Laut der Prison Policy Initiative, einer Organisation, die sich für eine Reform einsetzt, sitzen mehr als 2,3 Millionen Menschen in 1.833 staatlichen Gefängnissen, 110 Bundesgefängnissen, 1.772 Jugendstrafanstalten, 3.134 kommunalen Knästen, 218 Einwanderungsarrestzentren sowie in Militärgefängnissen, psychiatrischen Anstalten und weiteren Institutionen.

Hängt die Kriminalitätsrate mit Blei in Benzin und Wasser zusammen?

Mit zu den Ursachen gehört der von Präsident Nixon Anfang der Siebzigerjahre ausgerufene “Krieg gegen Drogen”, der versuchte, dem Drogenproblem mit drakonischen Strafen Herr zu werden. Überproportional trafen die Folgen dieser – gescheiterten – Politik die Schwarze

Minderheit. Wer einmal in die Mühlen der Justiz gerät, hat es in diesem Land besonders schwer, wieder auf die gerade Bahn zu kommen. Als ehemaliger Straffälliger gibt es meist weder Job noch Wohnung. Was wiederum zu einer hohen Rückfallquote führt.

Die Reformer wollen den Kreislauf der Kriminalisierung durchbrechen. Zu den Initiativen, die dazu führen sollten, gehörte in Kalifornien die Proposition 47, ein Gesetz, das Diebstähle mit einer Schadenssumme von unter 950 US-Dollar nur noch als Ordnungswidrigkeit und nicht länger als Straftat einstuft. Das Resultat sei, dass sogar Shampoo und Zahnpasta in den Läden inzwischen hinter Schloss und Riegel verwahrt werden – “wie in Caracas”, ätzte die New York Post, ein Kampfblatt aus dem Hause des erzkonservativen Verlegers Rupert Murdoch. Die Kriminellen hätten entdeckt, dass ihnen dank Proposition 47 nun so gut wie keine Konsequenzen drohten.

Doch so richtig Sinn ergibt die scheinbare Erklärung nicht. Über Proposition 47 stimmten Kaliforniens Wähler bereits 2014 ab. Warum sollte es so lange gedauert haben, bis die vermeintliche Straffreiheit potenziellen Dieben auffiel? Und ähnliche Überfälle gab es zuletzt auch in Chicago.

Tatsache ist, dass die Kriminalität in den USA seit den Neunzigerjahren bis zur Pandemie stetig gefallen ist. Für diesen Trend gibt es verschiedene Erklärungsansätze, die spektakulärste davon ist sicher die Bleitheorie. Die These lautet in etwa so: Blei ist ein Nervengift, dem lange Jahrzehnte vor allem Kinder in den Großstädten ausgesetzt waren. Hohe Bleibelastung können bei Heranwachsenden Entwicklungsstörungen, unter anderem geringere Intelligenz und mangelnde Selbstkontrolle auslösen. Als man begann, das Schwermetall aus Benzin, Wasserrohren und Wandfarbe zu verbannen, begann langsam auch die Verbrechensrate zu sinken. Diese Theorie ist allerdings von Kriminologen inzwischen angezweifelt worden.

Eine wesentlich komplexere und herausfordernde Erklärung hat der Soziologe Patrick Sharkey, der an der Princeton University forscht. Demnach haben die Repression durch die Ordnungshüter und die Masseninhaftierung durchaus den Effekt gehabt, die Kriminalität niedrig zu halten. Doch die Maßnahmen führten unweigerlich zu einem Rückschlag – und einem Ansteigen der Gewalt. Die Pandemie und der Mord an George Floyd durch einen Polizisten im vergangenen Sommer, der zu massiven Protesten führte, markieren demnach diesen Wendepunkt. Tatsächlich haben nicht nur die Mob-Überfälle wie in Kalifornien extreme Ausmaße erreicht. Auch die Zahl der Morde ist 2020 um

knapp 30 Prozent gestiegen.

Einen derartigen Anstieg innerhalb eines Jahres hat das FBI noch nie verzeichnet. Das darf nicht toleriert werden, keine Frage. Doch die Sehnsucht nach Law-and-Order-Lösungen birgt die Gefahr, in die alten Muster zurückzufallen. Vor allem die Schwarze Minderheit hat zu lange einen zu hohen Preis dafür bezahlt.

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